VORWORT
inepsias scripsi ergo svm
Inzwischen häufen sich die Ehrungen, aber der Anfang war hart, verdammt hart.
Inzwischen fordert Uwe Kopf in Tempo, ich solle Zeit-Herausgeber werden, weil ich die nötige Intelligenz und den nötigen Durst aufbrächte; inzwischen fordert Rolf Suhl in SZENE Hamburg, ich solle als Senator für Inneres in Hamburg für Ruhe und Ordnung sorgen (was – nach einigen Irrungen – aufs selbe hinausläuft. Da werde ich lieber gleich Zeit-Herausgeber und brauche nicht jahrelang auf eine Sturmflut zu warten.1); Wolfgang »Klischee« Röhl gar schreibt mir einen bitterbösen Brief, ich solle nie wieder Zeitungsartikel schreiben, und zwar u. a., weil er das selbst viel besser kann: »Verfilzte Haare und Bierbauch machen noch keinen Bären.« Und wenn man so was von einer solchen Musterschüler-Fresse mit einer solchen Sonderschüler-Lache gesagt kriegt, hält man natürlich durch. Inzwischen wurde ich für den Helmut-M.-Braem- und den Deutschen Jugendbuch-Übersetzer-Preis nominiert; inzwischen hat mir Franziska »Am schönsten fand ich die Fresken« Greiner ihren Rucksack ausgeleert; inzwischen gebe ich schwer leserliche Autogramme, dass selbst Diakonissen schier aus dem Häubchen sind; inzwischen werde ich auf Vernissagen und zu Talkshows eingeladen; inzwischen fragen mich die Menschen, ob sie ins Kino gehen dürfen und, wenn ja, in welches; inzwischen fragen nur noch die hinterletzten Dumpfbeutel, ob ich was mit dem Rohwollt-Verlach zu tun habe; inzwischen sind der Helmut-M.-Braem- und der Deutsche Jugendbuch-Übersetzer-Preis zusammengelegt und in Harry-P.-Rowohlt-Preis umbenannt worden, und irgendwie läuft alles sowieso irgendwie besser.
Aber vorher?
Oha.
Gar nicht dran denken.
Vorher habe ich stumpf ein Buch nach dem anderen übersetzt, teils mit mehr – Flann O’Brien –, teils mit weniger – wie hieß er noch? – Vergnügen. A gentleman’s hobby. Und dann kam Ute »Schnute« Blaich, die damals, als sie noch wusste, was gut für sie war, Zeit-Redaktrice für Kinderkram war, und sagte, sie will, dass ich in ihrer Promi-Reihe »Kinderbücher, die mich prägten« zwischen Axel Eggebrecht und Wolfdietrich Schnurre hinschreibe, welche Kinderbücher mich geprägt haben. »Zwischen Axel Eggebrecht und Wolfdietrich Schnurre? Da bin ich aber doch weiß Gott nicht Promi genug«, sagte ich, aber Axel Eggebrecht sagte: »Schreib erstmal was hin; danach bist du dann, wenn du’s schön gemacht hast, Promi genug«, und was Wolfdietrich Schnurre gesagt hätte, weiß ich nicht, weil ich ihn nicht gefragt habe. (Das vorletzte Mal, dass ich ihn gesehen habe, verschwand er mit seinem komischen Hund halb im Wald, drehte sich nochmal um, reckte die Faust und schrie: »Seh ich nicht aus wie der junge Brecht?« Axel Eggebrecht, nicht Wolfdietrich Schnurre.)
Dann hatte Siegfried »Schnulze« Schober keine Lust, nach Kuba zu fahren, und Gerhard (»Woaßt wos –: Da Harry, da is mei Bruder«) Roth, den man über den Flop seines ersten Theaterstücks hinwegtrösten wollte, hatte, weil untröstlich, ebenfalls keine Lust, und als ich meinen fertigen Kuba-Artikel vorwies, sagte Ulrich Greiner: »Das ist ja ungewöhnlich sauber getippt.« Der Rest ist, um es mit Arnold Schwarzenegger zu sagen, »history«.
Und um nicht – »… and first of all my mom and dad without who all this wouldn’t have been possible …« – ganz vielen Leuten für nix und wieder nix danken zu müssen, danke ich meiner ollen Tabak-Lesbe, die gar nicht lesbisch war und mir jahrelang Zeitungen und Zigaretten verkauft hat, bis sie still verstarb, und, weil sie, wie so viele, den Unterschied zwischen Autor, Verleger, Übersetzer und Illustrator nicht kapierte, zu mir sagte: »Können Sie aber schön zeichnen.« Gemeint war E. H. Shepard, der, wenn man ihn nur richtig betrachtet, aussieht wie der junge Brecht.
Und wer hat »inepsias scripsi ergo svm« über wen gesagt? Der erste Einsender kriegt 5 Mark. Versprochen.
Vorwort zur 2. Auflage
Das Nashorn-Gedicht (S. 287) ist inzwischen von Hans Werner Henze vertont worden. Ennio Morricone wäre mir lieber gewesen. Aber mach was.
Vorwort zur 4. Auflage
Schnulzenfuzzi, atonaler.
WHO IS POOH?
Auf Bärenfang in Sussex
Wenn es so richtig schön wird, muss ich ja leider immer weinen. Nicht nur im Kino. Auch beim Lesen. Sogar beim Korrekturlesen. Aber das – man kann mich, wenn man will, für die Nummer buchen – klappt nur bei Pu.
Pu der Bär war mein erstes Buch; seitdem mag ich Bücher und Bären, und mein erster eigener Teddy hieß, na? Wie? Genau. Fritz.
Wegen Pu heißt meine Kolumne im Feuilleton der Zeit Pooh’s Corner, und die Menschen sagen »Pu« zu mir oder »Bär« oder »Pu-Bär«. Und was sagen sie in Pooh’s Country zu mir, in East Sussex? Genau. Fritz.
»Ich bin Hunne; Sie können Fritz zu mir sagen.«
*
A. A. – oder Alan Alexander – Milne wurde (jetzt kommt der informative Teil; er hört aber gleich wieder auf) am 18. Januar 1882 in London als Sohn eines Schulmeisters und seiner Frau geboren, und nach einer gewissen Zeit starb er dann. Ab hier hätte ich gern von den Literaturlexika abgeschrieben, aber da steht er hinter dem Langweiler Henry Miller und der Langweilerin Sarah Gertrude Millin nicht drin. Dafür hat der Brockhaus gleich drei Milnes: unseren und zwei andere, einen Astrophysiker und einen Erdbebenheini. Die beiden anderen, der Astro und der Heini, werden als »bahnbrechend« bezeichnet. A. A. nicht. Als hätte er nicht die absoluten Bahnen gebrochen, als er die Sterne zum Beben und die Erde zum Bewohnbarmachenwollen gebracht hat.
Und die Sterne überschaubar. Wir alle haben uns doch schon immer über die Horoskope geärgert und über die Leute, die ihnen anhängen. Widder mit dem Schützen im Aszendenten. Wenn ich das schon höre. Pu mit I-Ah-Einsprengseln: So wird ein Horoskop draus.
Sylvia am Nebentisch sagt: »Früher war ich Fische. Dann habe ich Pu gelesen und wurde Ferkel. Und seitdem ich Kinder habe, bin ich Känga.«
Der Nebentisch steht in »The Anchor Inn«, einer Kneipe mit zwei Köchen, zwei Fremdenzimmern und zwei Sorten Stout vom Fass. In Hartfield hatten die Milnes ihr Sommerhaus, und wenn Hartfield nicht in Südengland läge, sondern in Nordamerika, wäre hier längst ein Disneyland entstanden, mit Pu-Tourismus und freundlichen Animateuren, die auf der Pustöckchen-Brücke das Pustöckchen-Spiel nach den neuen international verschärften Regeln veranstalten.
Freundlich und animiert sind die Hartfielder, aber das liegt nicht an Pu, sondern an den zwei Sorten Stout. Und als Konzession an den Pu-Tourismus gibt es einen Laden, in dem vor langer Zeit Christopher Robin sein Taschengeld für Süßigkeiten ausgegeben hat. Bonbons gibt es hier noch immer. Außerdem noch den echten Pu-Honig und Teetassen mit Pu drauf und sonstige, wie Mike Ridley, der Erfinder des Ladens, stolz sagt, »Poohphernalia«. Ich lobe ihn für seine Wortschöpfung, und er sagt, er schäme sich. »Ich schäme mich«, sagt er, »weil ich mit Pu Geld verdiene. Aber nächstes Jahr läuft meine Disney-Lizenz aus, und dann werde ich mich etwas weniger schämen. Denn die Disney-Verfilmung war ja ein …«
»… Verbrechen«, sagen wir im Chor.
»In zwei Jahren«, fährt er fort, »werde ich vielleicht ein Mensch. Bisher hat mir für so was die Zeit gefehlt.«
Ich sage ihm, mir komme er jetzt schon ziemlich menschenähnlich vor, schenke ihm die beiden von mir übersetzten Pu-Bände, und eine Dame fragt: »Wie haben Sie ›Heffalump‹ ins Deutsche übersetzt?« »Ich hab’s gelassen, wie es ist. Heffalump.«
»HEF-FA-LUMP«, sagt sie in akzentfreiem Deutsch. »Why, that’s even better.«
Sag ich doch die ganze Zeit.
*
Nun hat ja A. A. Milne nicht nur zwei Bücher über die Stofftiere seines Sohnes geschrieben und ebenso wunder- wie unübersetzbare Kindergedichte, sondern er war auch Punch-Redakteur und Verfasser von zeitkritischen Salonkomödien, die heute kein Theater mehr aufführen mag. Als Dramatiker hat er wohl Oscar Wilde im Sinn gehabt und nie erreicht, als Kinderbuchautor hatte er den Klassiker Der Wind in den Weiden von Kenneth Grahame im Auge, und den hat er spielend abgehängt. Selbstverkenntnis, von der wir alle profitieren, wir, die wir als Kinder Pu gelesen haben und dank Pu Kinder geblieben sind, und wir, die wir, falls wir als Kinder nicht Pu gelesen haben, dies schleunigst nachholen werden.
* Versprochen? *
Ich latsche mit Jackie Morris durch den Wald. Gar nicht wahr. Jackie Morris latscht mit mir durch den Wald. Jackie Morris hat ihren Doktor über den Ashdown Forest geschrieben; mit ihr ist man also im Wald bestens aufgehoben. Jackie Morris macht auf Wunsch Pu-Touren. Durch den 160-Morgen-Wald, der in Wirklichkeit ein 8oo-Morgen-Wald ist.
Wir finden auf Anhieb Oiles Wohnbaum, und ich sage: »Die Tatsache, dass wir ihn gefunden haben, beweist, dass wir ihn nicht gefunden haben. Denn er ist, erinnern wir uns, umgefallen.« Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen tun.
Dafür finden wir I-Ahs traurige Stelle, und Jackie meint: »Mit so einer traurigen Stelle kann I-Ah echt nicht mehr meckern.«
»Wenn I-Ah nicht mehr meckern kann, entziehen wir ihm die Existenzgrundlage.«
Wir finden eine neue, noch traurigere Stelle. Später zeigt man mir die hochoffizielle traurige Stelle, und hier krampft sich mir wirklich das Herz zusammen, so traurig ist sie. Ein Eiseshauch weht mich an, mitten im heißen südenglischen Sommer. Das, I-Ah, habe ich nicht gewollt.
Keine zwanzig Meter davon entfernt ist Pus warme, sonnige Stelle. Hier steht, wie sich das gehört, eine hässliche Sonnenuhr mit der Inschrift This warm and sunny spot belongs to Pooh, and now it’s time to wonder what to do.
Freiheit ist nämlich, wenn man sich morgens fragt, was man wohl tun wird.
Zwang ist, wenn man es weiß.
1 Helmut Schmidt (frz.: le feldwébel); in Hamburch geboren und Iurrnalist geworden; Trendsetter in Geschmacks- (bübchenblau) und Etikette- (»Hamse überhaupt gedient?«) Fragen; Schulkamerad von Ruth Liepman und mir; trägt im Sommer kurze Hosen.